Kurseelsorge
Bad Urach
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aktuell: 11.04.2011

Wem gehöre ich?

„Wem gehöre ich?“                                              Pfarrerin Anneliese Scheible

Jes. 43,1: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

„Wem gehörst du?“ – so wurde ich als Kind manchmal gefragt, wenn mein Gegenüber wissen wollte, zu welcher Familie ich gehörte, wer meine Eltern waren. Ich habe mir damals weder bei der Frage noch bei meiner Antwort etwas dabei gedacht, es war selbstverständlich, so gefragt zu werden. Erwachsene sind da schon vorsichtiger. Wer möchte als erwachsener, selbständiger Mensch schon gerne so gefragt werden? Mancher würde auf so eine Frage gar nicht reagieren, sich abwenden, so tun, als hätte er sie nicht gehört. Ein anderer würde mit Empörung reagieren, nach dem Motto: „Was fällt dem ein, mich so zu fragen, gehöre ich nicht mir selber?“

Wem gehören wir eigentlich? Wirklich uns selber – oder sind da nicht viele Dinge, Gegebenheiten, oder auch andere Menschen, die uns beeinflussen, die uns prägen oder geprägt haben, womöglich so sehr, daß wir am liebsten sagen würden: eigentlich möchte ich ganz anders sein, eigentlich möchte ich mir selbst gehören, selbst über mein Leben bestimmen. Und doch merke ich, wenn ich ehrlich bin: das geht nicht. Ich kann mich nicht völlig lösen von dem, was mich bestimmt hat, weder von meinen Anlagen und Ver-anlagungen, noch von meiner Lebens-Geschichte, erst recht nicht von meinem Körper. Mancher tut sich schwer damit, und das verstehe ich, mit den Einschränkungen zurechtzukommen, die ein kranker oder älter werdender Leib, ein Unfall oder eine Operation ihm auferlegen. So, wie ich eigentlich will, kann ich nicht mehr oder jetzt im Moment nicht – erfahren Menschen auch hier in der Reha – und das kann schon ein schwerwiegender Einschnitt im Leben sein.

Wem gehöre ich – wer bin ich eigentlich? Mich hat das an ein bekanntes Gedicht von Dietrich Bonhoeffer erinnert:

  • · Wer bin ich?
  • · Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
  • · ich träte aus meiner Zelle
  • · gelassen und heiter und fest
  • · wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
  • · Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
  • · ich spräche mit meinen Bewachern
  • · frei und freundlich und klar,
  • · als hätte ich zu gebieten.
  • · Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
  • · ich trüge die Tage des Unglücks
  • · gleichmütig, lächelnd und stolz,
  • · wie einer, der Siegen gewohnt ist.
  • · Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im
  • · Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
  • · Wer bin ich? Der oder jener?
  • · Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
  • · Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
  • · Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
  • · Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
  • · das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
  • · Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
  • · Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Zu diesem Fazit ist Dietrich Bonhoeffer trotz aller Fragen und Anfechtungen gekommen, es ist genau dasselbe, was dieser Vers aus dem Propheten Jesaja meint: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Hab keine Angst, sagt Gott. Ich habe dich befreit, befreit aus deiner Angst und aus deinen Sorgen, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, ich kenne dich, so wie du bist, mit allem, was du mit dir bringst, mit deinen Erfahrungen und deinen Schmerzen, mit deinen Hoffnungen und deinen Befürchtungen, ich kenne dich so wie kein anderer dich kennt, zu mir, sagt Gott, zu mir darfst du kommen, wie du bist. Du bist mein.
Gott nimmt dich wahr, wie du bist
Gott gibt dir Halt und leitet dich
Gott schenkt dir Weisheit, Geduld und Hoffnung.
So segne dich Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. + Amen