Kurseelsorge
Bad Urach
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aktuell: 11.04.2011

... schon Morgen ..

„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer“- so ein Satz aus dieser Geschichte. Mir stellt sich die Frage, die ich so ähnlich oft auch Patienten hier in den Kliniken stelle und von ihnen auch selber höre: „Was war vorher, wie wird es nachher weitergehen?“. Vorher – die lange Geschichte, die sie hierher geführt hat: eine Lebensgeschichte, eine Geschichte von Krankheit und Leid, von Hoffnung und Enttäuschung. Mit Jesus sind sie gezogen, haben ihre Familien verlassen, ihren Beruf aufgegeben, sich neu orientiert, dann sein Tod. Alles aus, alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben. „Ich will fischen gehen, sagt Simon Petrus zu seinen Freunden, und wir schließen daraus: sie sind wieder da, wo sie vorher waren, sie fangen wieder dort an. Zurück in ihrer Heimat, in ihrem Beruf, in ihrem Alltag. Die Feste, die sie mit Jesu erlebt haben, sind vorbei. Und wie um das noch zu verstärken, wird auch noch betont: „in dieser Nacht fingen sie nichts“. – So geht es manchen Patienten hier in den ersten Tagen ihres Aufenthalts: Die Operation, der Krankenhausaufenthalt ist gut überstanden, man hat gehofft, daß es schnell aufwärts geht, und dann die ersten Enttäuschungen: so schnell, wie man gehofft hat, geht es nicht, man sieht keine Fortschritte, sieht die eigene Krankheit und dazu noch fremde Krankheit und fremdes Leid. Im Gegensatz zu den Jüngern, die da fischen gehen, sind Sie dazu noch herausgenommen aus ihrem Alltag. Aber das Fazit gleicht sich oft: Nichts gefangen – man sieht kaum einen Heilungserfolg.
Da steht Jesus am Ufer. Ich sehe das auch im übertragenen Sinn: es gibt ein Ufer. Es ist nicht uferlos, diese Situation, sondern sie hat ein Ziel, auch wenn das noch verborgen ist - „die Jünger wussten nicht, daß es Jesus war“.
Es ist übrigens kein Zufall, daß Jesus gerade hier, am See Gennezaret, beim Fischfang, auf seine Jünger trifft. Hier hat er Kranke geheilt, Verzweifelte aufgerichtet, Traurige getröstet, hier hat er seine Jünger gefunden und ist vielleicht auch selbst oft mit ihnen auf den See gefahren in ihren Booten. Aber sie erkennen ihn nicht. Sie sehen ihren Misserfolg, aber Jesus sehen sie nicht.
Vielleicht haben sie über ihn geredet, sich an ihn erinnert. Weißt du noch, wie das damals war? – Aber es ist ja vorbei. Das, was vorbei ist, wiegt oft schwerer als das, was noch möglich ist. So ist es ja auch bei uns: man sieht nur, was nicht mehr geht, und vergisst darüber die Möglichkeiten, die man noch hat oder will sie nicht sehen, kann sie nicht sehen. Der Blick zurück kann den Blick nach vorne verbauen.
„In dieser Nacht fingen sie nichts“. Aus, vorbei, vergeblich – aber es schwingt auch schon mit, daß es eine besondere Nacht ist.
Sie fingen nichts – es fehlt etwas. Auch das gehört zum Leben, ja gerade das gehört zum Leben, daß es nicht vollkommen ist, daß da immer etwas ist, etwas sein wird, was fehlt. Wenn wir auf das den Blick richten, was fehlt, dann werden wir immer etwas finden. Manchmal gibt es diesen Blick auf die anderen: man meint, die haben es besser, die haben nicht mit den Problemen zu tun wie ich; ach, wie schön wäre es, wenn wir an der Stelle der anderen wären....Aber in jedem Leben gibt es schwierige Zeiten, schwierige Situationen. Vielleicht wird der andere besser fertig mit dem Problem, das ich habe – und dafür hat er an einer anderen Stelle Schwierigkeiten, die ich nicht sehe?

Sie fingen nichts – das ist auch die Frage nach dem, was zählt im Leben, was mein Leben ausmacht, was darin Sinnmacht. Zählen nur die sichtbaren Erfolge und Fortschritte- ist nicht auch das andere wichtig, ja manchmal wichtiger? Was bleibt in meinem Leben – über die sichtbaren Erfolge hinaus?
„Als es aber Morgen war, stand Jesus am Ufer“ – Gerade in der Situation, als die Jünger ihren Misserfolg sehn, steht Jesus schon am Ufer. Die Jünger haben gemeint, allein zu sein mit ihren leeren Netzen, mit ihrem Misserfolg, mit ihrer - und in Wirklichkeit ist Jesus schon bei ihnen, wartet auf sie.
Es ist der kritischste Augenblick in dieser Geschichte, in der Jesus auftaucht – und so wie Krisen nicht nur Tiefpunkte, sondern auch Wendepunkte sind, wendet sich auch hier die Geschichte. Und es ist mehr als eine Geschichte, es kann auch zu einem Bild für unser Leben werden: Gerade am Tiefpunkt wird der Glaube, wird Jesus, wird Gott wichtig. Er fordert nichts von den Jüngern, er ist zunächst einfach da und wartet auf sie.
Und dann fordert er sie noch mal zum Fischfang auf, an einer Stelle, an der sie es noch nicht versucht haben – ich übersetze: Er fordert uns auf, genau hinzusehen auf unser Leben, auf die Dinge, die wir sonst übersehen beim Ausschau halten nach dem großen Erfolg, er fordert uns auf, hinzusehen auf die Möglichkeiten, die wir noch haben (und nicht nur auf die fehlenden). Da, wo wir oft Mühe und Verzweiflung sehen, da beginnt mit Gott eine neue Hoffnung.
Am Schluß (und das ist die Szene, die Sieger Köder gemalt hat) steht das Erkennen, es ist nicht mehr fraglich, daß es Jesus ist, er teilt mit ihnen die Mahlzeit, so wie er es früher getan hat, er teilt sein Leben mit uns, er teilt seine Hoffnung mit uns.
Zum Schluß noch ein Zitat von Martin Luther King:
„Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, daß es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“ (EG S. 257) Amen.