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„Das Zeichen des Kreuzes“ Pfarrerin Anneliese Scheible
Heute abend möchte ich mit Ihnen nicht über einen bestimmten Bibeltext nachdenken, sondern über das Zeichen des Kreuzes. Versuchen Sie einmal, sich zu erinnern an verschiedene Kreuze.... Da gibt es große und kleine, einfache und kostbare, ganz schlichte Kreuze aus Holz oder auch nur aus zwei Holzstücken zusammengebundene, andere sind kostbar geschnitzt, verziert, aus Edelsteinen, aus Gold oder Silber. Kleine Kreuze, die fast zu übersehen sind, oder protzige, die man ja nicht übersehen soll. Kreuze, die lediglich als Schmuckstück getragen werden, andere, die Bekenntnis sein sollen zu dem Gekreuzigten. „Ob uns Kreuze vorne schmücken oder aber hinten drücken, das tut, das tut was dazu“, so heißt es in einem alten Lied aus der Zeit des Bauernkriegs. Ein Lied, in dem das Leiden am Unrecht zur Sprache kommt.
Was ist das eigentlich mit dem Kreuz?
Mancher erschrickt, wenn er hört: es ist ein ähnliches Zeichen wie ein Galgen. Aber das ist es ja auch ursprünglich: ein Hinrichtungsinstrument, und schon daher Zeichen für alles, was Menschen quält und ihnen zu schaffen macht. Wie kann es sein, daß ein solches Hinrichtungsinstrument zum Bekenntniszeichen, gar zum Schmuckstück wird? Es hat mit Jesus zu tun, mit seinem Tod am Kreuz. Es hat damit zu tun, daß, wie jemand einmal gesagt hat, „Christen Protestleute gegen den Tod“ sind. Es hat damit zu tun, daß für diesen einen, für Jesus von Nazaret das Kreuz und der Tod nicht Endstation geblieben sind. Der Protest Gottes gegen den Tod beginnt gerade an der Stelle des Todes, beginnt am Kreuz, beginnt damit, daß Gott sich nicht scheut, seinen Sohn sterben zu lassen. Jesus Christus hat das Leben der Menschen geteilt bis zum Tod am Kreuz. Egal, wie schwer das Kreuz ist, das uns drückt: Gott lässt uns dabei nicht allein.
Das ist der erste Protest, der erste Sieg Gottes über den Tod: daß auch der Tod, auch jener qualvolle Tod Jesu am Kreuz nicht von Gott trennen kann. Aus dem Kreuz als Zeichen des Todes wird das Kreuz als Zeichens des Sieges über den Tod.
Wen wir die Form eines Kreuzes betrachten, finden wir darin auch symbolische Hinweise:
Das Kreuz verbindet oben und unten, links und rechts. Es verbindet Himmel und Erde, und es verbindet Menschen untereinander, es verbindet Gegensätze miteinander. In dem alten Zeichen des Sich-Bekreuzigens finden wir das wieder. Und: das Zeichens des Kreuzes verbindet uns mit dem Gekreuzigten, mit seinem Tod und mit seinem Sieg über den Tod. Indem wir das Zeichen des Kreuzes machen, oder es betrachten, nehmen wir das Kreuz Christi hinein in unsere Gegenwart. Der Apostel Paulus schreibt (Eph. 3,18): „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ Paulus schreibt hier nicht ausdrücklich vom Kreuz – aber ist es das nicht, was gemeint ist? „...begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist...“
Das mit dem Kreuz, das diesen Raum der Stille prägt, ist ein eigentümliches Kreuz: ein Mensch in Kreuzform, ganz und doch halb. Der Gekreuzigte, der uns umfasst mit allem Leid, das wir mitbringen, der uns segnet und tröstet, uns zur Seite steht und mit uns fühlt.
(Künstler: Pastor Neumann, Hamburg)
Wir wollen dieses Kreuz einen Moment auf uns wirken lassen, und danach erzähle ich Ihnen zum Abschluß noch eine Geschichte über die Kreuze, die uns drücken.
Ein Mensch, der viel zu leiden hatte, hatte eines nachts einen Traum. Das, was ihn beschwerte, trug er als Kreuz auf seinem Rücken, und es war schwer und unbequem. In diesem Traum erschien ihm Gott, und er bat Gott: nimm doch dieses Kreuz von mir. Gott sagte zu ihm: du kannst dieses Kreuz ablegen, aber: du musst dann ein anderes dafür nehmen. Und er nahm ihn mit sich zu einem Feld, auf dem viele verschiedene Kreuz lagen und standen. Der Träumer legte im Traum sein Kreuz ab und sah sich unter den anderen Kreuzen um und legte sie sich probeweise auf den Rücken. Aber das eine war ihm zu schwer, das andere drückte do oder dort, lange fand er keines, das ihm passend schien. Ganz zum Schluß schließlich probierte er noch eines aus, und siehe, es passte wie angegossen. Als er es näher betrachtete, merkte er: es war sein eigenes.
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